Ein 90-Tonner in Schweden am Polarkreis

Im hohen Norden Schwedens, weit im Inneren des Polarkreises, wo das Thermometer bis auf 40 Grad Celsius fallen kann, verrichtet ein 90 Tonnen schwerer Langholztransporter seinen Dienst unter widrigsten Bedingungen.

90-Tonnen-Lastzug.

Das Forschungsprojekt ETT soll Behörden überzeugen und dazu bewegen, die Obergrenze für das zulässige Frachtgewicht auf 90 Tonnen anzuheben.

Roger Henriksson beim Prüfen des Lastzugs.

Roger Henriksson hat den 90-Tonnen-Lastzug ein ganz Jahr gefahren und war überrascht von seinen geschmeidigen Fahreigenschaften.

Roger Henriksson sehnt sich einfach nur nach dem Licht. Vier Monate im Jahr verbringt er seinen Arbeitstag in der Finsternis zwischen Morgen- und Abenddämmerung. Als Fahrer in Överkalix, wenige Kilometer südlich des nördlichen Polarkreises, sind Dunkelheit, verschneite Straßen und Temperaturen bis minus 40 Grad Celsius die Regel. Die Entschädigung für diesen harten Winter kommt jedoch im Juni. 

„Es lässt sich kaum beschreiben, wie es hier im Sommer ist, wenn es rund um die Uhr hell ist und die Mitternachtssonne scheint. Alles ist viel einfacher, wenn im Juni morgens um 01:50 Uhr der Wecker klingelt und die Sonne scheint, als wenn dasselbe im Winter passiert, wo es stockdunkel und minus 35 Grad Celsius kalt ist“, berichtet Roger Henriksson.

Doch auch wenn das Klima hart ist und die Schichtarbeit jede zweite Woche um 03:00 Uhr morgens beginnt und ihren Tribut fordert, würde er seinen Beruf als Fahrer hoch oben im Norden nicht gegen einen anderen eintauschen wollen. 

„Ich bin, wie ich bin, weil ich immer hier gelebt habe. Ich bin jetzt fast 50 Jahre alt und nur einmal im Leben im Ausland gewesen. Es war ganz o.k., aber zwei Tage vor der Heimfahrt bekam ich Heimweh. Ich gehöre zu den Menschen, die nicht in einer Großstadt leben könnten.“ 

Jeder Arbeitstag lässt Roger Henriksson zweimal mit einer Ladung Holz zwischen seiner Heimatstadt Överkalix und dem Sägewerk in Munksund hin und her pendeln. Der Lkw, den er fährt, ist 30 Meter lang und wiegt voll beladen 90 Tonnen. 

„Natürlich war mir das anfangs nicht ganz geheuer, wenn ich in den Rückspiegel sah und der Lkw endlos lang zu sein schien. Ich habe mich allerdings schnell daran gewöhnt und muss sagen, dass es mir sogar ein Gefühl der Kraft gibt“, erklärt Roger Henriksson. 

Das letzte Jahr über hat er diesen Lastzug gefahren, der Teil des Forschungsprojekts „ETT“ (En trave till: ein Stapel mehr) ist. Die Fahrt mit einer 50 Prozent größeren Last erhöht die Effizienz und senkt gegenüber einem herkömmlichen Holzzug den Kohlendioxidausstoß um 20 Prozent. Da das Gewicht auf mehr Achsen verteilt ist, leidet auch der Straßenbelag weniger unter dem imposanten Gespann.

Anfangs war mir das nicht ganz geheuer, wenn ich in den Rückspiegel sah und der Lkw endlos lang zu sein schien.

Roger Henriksson

Lkw-Fahrer

Unterwegs in Nordschweden.

Roger Henriksson hat eine Sondergenehmigung bekommen, um den Lkw, der 30 Tonnen mehr wiegt, als nach schwedischem Gesetz erlaubt ist, auch auf öffentlichen Straßen fahren zu dürfen. Volvo Trucks ist einer von mehreren Partnern, die an diesem Forschungsprojekt teilnehmen. Man hofft, dass das Projekt einen Wandel in der Gesetzgebung bewirkt und das zulässige Gesamtgewicht für Schwertransporte von 60 auf 74 Tonnen angehoben wird. Langfristig ist die Zulassung von 90-Tonnen-Lkw angestrebt.

Roger Henriksson sitzt in seinem Fahrerhaus und flucht. Die Minusgrade, die Överkalix normalerweise fest im Griff haben, sind bis fast zum Gefrierpunkt angestiegen, was schwarzes Eis und Schneematsch zur Folge hat. 

„Nur wenn es zu tauen beginnt und matschig wird, haben wir dieses Problem, sonst nicht. Nicht sofort losfahren zu können, ist...“. Er hört auf zu sprechen und verzieht das Gesicht. Nachdem ein Kollege ihm geholfen hat, seinen Lkw in Bewegung zu setzen, verlässt Roger Henriksson mit leichter Verspätung den Parkplatz. 

Heute ist ein besonderer Tag. Roger Henriksson fährt zum ersten Mal den neuen Volvo FH16 von Volvo Trucks, der speziell für schwere Aufgaben konzipiert ist.       

„Es macht immer Spaß, einen neuen Lkw zu fahren. Ich spüre schon jetzt einen großen Unterschied, wenn ich den neuen FH fahre. Dieser hier hat mehr Kraft, er ist viel stärker und kann an Steigungen besser die Geschwindigkeit halten. Er verfügt über eine andere Federung als das alte Modell und fühlt sich auf der Straße noch komfortabler an. Ich fühle mich in diesem Lkw äußerst sicher“, betont Roger Henriksson.

Roger Henriksson.

Roger Henriksson hat schon immer in Nordschweden gelegt und wollte auch nie anderswo leben.

Die Straße zwischen Överkalix und Piteå ist ziemlich gerade, mit einigen längeren Abschnitten und nur gelegentlichen Kurven. Dank der Einzelradaufhängung vorn (IFS) hat das Fahrzeug, wie Roger Henriksson schon jetzt bemerkt, noch bessere Fahreigenschaften. 

„Er fährt traumhaft, wie am Schnürchen. Verglichen mit dem alten Modell ist er noch stabiler. Auch in Kurven und Kreisverkehren ist er stabiler und kann mehr aushalten. Es ist natürlich sehr angenehm für mich als Fahrer, wenn ich ein Fahrzeug habe, das sich auf der Straße stabiler verhält.“

Zuverlässigkeit und die Tatsache, dass der Truck trotz schwieriger Bedingungen seine Aufgabe problemlos bewältigen kann, sind in Nordschweden ein Muss.

„Im Winter hier oben zu fahren, kann aufregend sein. Gerade noch ein Schneesturm, im nächsten Augenblick Eis. Für unerfahrene Fahrer mit schlechten Reifen ist das kein Spaß. Oft sehe ich ausländische Lkw, die an Steigungen liegen bleiben. Erst letzte Woche ist ein solcher Lastzug in den Graben gefahren, komplett mit Anhänger“, erzählt er. 

Auch er ist im Laufe seiner 24 Jahre als Lkw-Fahrer schon das ein oder andere Mal im Graben gelandet. Zuletzt vor über zehn Jahren. Roger Henriksson deutet auf die Schulter, die bei dem Unfall verletzt wurde und immer noch ein wenig schmerzt. 

„Bei eisigem Wetter muss man beurteilen können, wann man besser anhält und wann man weiterfahren kann“, erklärt Roger Henriksson. 

Im Winter hier oben zu fahren, kann aufregend sein. Gerade noch ein Schneesturm, im nächsten Augenblick Eis.

Roger Henriksson

Lkw-Fahrer

Video von den Lofoten.

An einem einzigen Tag führt Roger Henriksson zwei Aufträge für Langholztransporte aus.

Als er den ETT-Truck zum ersten Mal fuhr, war er überrascht, wie geschmeidig und flexibel das Fahrzeug trotz seiner Länge ist. Da es sich bei der Fahrzeugkombination um eine 6x4-Sattelzugmaschine plus Doppelsattel, ein so genanntes B-Double, handelt, lässt sich der Lastzug nur schwer wenden. Aber bis auf diesen Umstand findet Roger Henriksson nicht, dass die zusätzlichen Tonnen beim Fahren einen großen Unterschied machen. 

„Das Bremssystem dieses Lkw ist so gut, dass der Bremsweg nicht länger ist als bei einem normalen 60-Tonner“, bestätigt er.

Er fährt das Fenster herunter und spuckt seinen Snus aus, schwedischen Oraltabak. Hinter den Wipfeln der Kiefern blitzt beim Vorbeifahren immer wieder kurz die Märzsonne auf. Roger Henriksson trägt über seiner normalen Brille eine Sonnenbrille, um seine Augen vor dem Licht zu schützen, das durch die Schneereflexionen verstärkt wird. 

„Zwischen Överkalix und Piteå gibt es einen echten Unterschied, was Klima, Straßen- und Wetterverhältnisse angeht. In Överkalix kann alles noch einwandfrei sein, um dann zwischen Luleå und Piteå schon zu einer Rutschpartie zu werden“, erklärt Roger Henriksson. 

Auch wenn eine Fahrt zwischen Överkalix und Piteå nur zwei Stunden dauert, kann die Temperatur im Winter von minus 30 Grad Celsius im Landesinnern bis knapp unter Null an der Küste variieren. Dies stellt nicht nur an den Fahrer besondere Anforderungen, sondern auch an den Lkw. Beide müssen mit diesen großen Temperaturunterschieden zurechtkommen. 

Am Sägewerk in Munksund werden die entrindeten Stämme auf Förderbändern zwischen den Holzstapeln befördert. Der Entladevorgang ist im Nu abgeschlossen, und eine gute halbe Stunde später ist Roger Henriksson bereits wieder auf dem Weg nach Överkalix. 

Bevor der Tag zu Ende ist, wird er noch einen weiteren Transport durchgeführt haben. Dann wird es Zeit, nach Hause und zu seiner Familie zurückzukehren. Roger Henriksson hat vier Kinder. Heute holt er seinen Jüngsten vom Kindergarten ab. 

„Es gefällt mir, dieselbe Route zu fahren. Meine Freunde halten mich für leicht verrückt und fragen sich, ob ich dabei denn nicht durchdrehe. Ich sage ihnen, dass man sich nicht zu viele Gedanken darüber machen sollte, da es nun mal immer die gleiche Strecke ist. Der Vorteil ist, dass ich rechtzeitig nach Hause zu meiner Familie komme und jede Nacht im eigenen Bett schlafen kann.“

 

Video von den Lofoten.

Das Forschungsprojekt ETT („ein Stapel mehr“) hat gezeigt, dass eine 50 Prozent größere Fracht die Effizienz erhöht und den CO2-Ausstoß im Vergleich mit herkömmlichen Langholztransportern um 20 Prozent reduziert.

Lkw

  • Ein Volvo FH16 (Baujahr 2013) mit einem 16-Liter-Motor mit 750 PS. Er transportiert Baumstämme von Överkalix zum Sägewerk in Munksund bei Piteå.

  • Dieses Fahrzeug verringert den Kohlendioxidausstoß um 20 Prozent. Auch die Kosten sind um 20 Prozent geringer als bei einem herkömmlichen Langholztransporter.
     
  • Der Lkw, der einzige seiner Art, transportiert eine Last von 65 statt 42 Tonnen – also 50 Prozent mehr Holz. Das Gesamtgewicht des voll beladenen Lkw beträgt 90 Tonnen, die Länge 30 Meter. 
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